Religionen und politische Stimmungen

Talk der Religionen in Lemgo

Gespräch mit dem Publikum. Mit Nihat Köse, Sabine Hartmann, Matitjahu Kellig, Dieter Bökemeier und Josef Kalasch (von links).

Kreis Lippe/Lemgo. In der Veranstaltungsreihe „Wir müssen reden!“ hatten Christen, Juden, Muslime und Eziden zum Gespräch über: „Wenn der Wind sich dreht… Religionen und politische Stimmungen“ ins Gemeindehaus der Ev.-luth. Kirchengemeinde St. Marien eingeladen.

Nihat Köse (Islamisches Kommunikationszentrum Detmold), Matitjahu Kellig (Jüdische Gemeinde Herford-Detmold), Josef Kalasch (Ezidischer Elternverein) sowie von der Lippischen Landeskirche Dieter Bökemeier (Landespfarrer für Ökumene und Mission) und Sabine Hartmann (Referentin für Ökumenisches Lernen) kamen mit rund 50 Gästen über das Verhältnis von Religion und Politik ins Gespräch.

Deutlich wurde, dass Religion identitätsstiftend ist, man aber immer nur eine konkrete Identität haben kann. Probleme entstehen, wenn die eigene Identität zur Unterdrückung anderer missbraucht wird.

In Israel seien Politik und Religion nicht zu trennen, sagte Matitjahu Kellig. Es sei aber gefährlich, wenn der Staat die Religion oder die Religion die Politik bestimmen. Israel sei sehr multikulturell und vereine Menschen aus aller Welt, die nach dem Zweiten Weltkrieg eine neue Heimat suchten. „Geschichte wiederholt sich nicht, Menschen wiederholen jedoch Geschichte. Darum müssen wir wachsam sein! Wenn in Jerusalem Frieden herrscht, wird es auch Frieden unter den Völkern geben.“

Anders als bei den Juden sei die Geschichte der Eziden kaum dokumentiert, sagt Josef Kalasch. Erst ab dem 11. Jahrhundert sei mit zwei Büchern, der „Schwarzen Schrift“ und dem „Buch der Offenbarung“, Geschichtsbewusstsein entstanden. Jeder Ezide glaube an Seelenwanderung und könne als Andersgläubiger wiedergeboren werden. Eziden hätten daher immer gute Kontakte zu Juden, Christen und Muslimen gepflegt. Leider würden sie heute im Nordirak verfolgt. „Wenn sich die Weltreligionen verstehen, geht es Eziden gut.“

Nihat Köse erklärte, dass der Islam als oberstes Gebot lehre, eigene Rechenschaft abzulegen. Alle Sünden könnten vergeben werden, bis auf die Schuld gegenüber anderen Menschen. Eigenverantwortung und Disziplin seien gefordert. Die Mehrheit der Muslime sei gegen politischen Missbrauch gewappnet.

Die Forderung, Kirche solle sich aus der Politik raushalten, werde lauter, sagte Sabine Hartmann. Andererseits erwartete man von der Kirche eine deutlichere Positionierung zu politischen Fragen. Es komme auf die richtige Balance an. Die Kirche habe den Auftrag, für eine gerechte Welt einzutreten und müsse sich politisch einmischen, wenn Menschenrechte gefährdet seien: „Wenn sich Rahmenbedingungen verschlechtern, neigen Menschen dazu, andere Gruppen auszugrenzen und zu unterdrücken.“ Dieter Bökemeier ergänzte, dass in Krisenzeiten eine Identitätspolitik zunehme. Rassisten, zum Beispiel der „Identitären Bewegung“, gehe es jedoch nicht um Problemlösungen, sondern um Spaltung der Gesellschaft. Religion biete eine tiefere Identität, die nationale und ethnische Grenzen überbrücke und kulturelle Vielfalt zulasse.

 

 

27.09.2019

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