Die Welt nach Corona – Chancen und Risiken

Marktplatzgespräch in Detmold

Marktplatzgespräch mit Publikum und Abstand: Mit Wolfgang Loest, Michael Uhlich, Elisabeth Wirtz, Dieter Bökemeier und Monika Korbach (von links).

Detmold. „Die Welt nach Corona - Chancen und Risiken nach dem Ausnahmezustand“ stand im Fokus des Marktplatzgesprächs, zu dem die Lippische Landeskirche ins Gemeindehaus der Erlöserkirche am Marktplatz eingeladen hatte. Die COVID-19-Pandemie hat fast alle Lebensbereiche aus den Angeln gehoben. Was können wir aus der Krise lernen und welchen Herausforderungen müssen sich Politik, Wissenschaft, Kultur und Kirche stellen?

Unter der Gesprächsleitung von Bildungsreferentin Monika Korbach und Pfarrer Dieter Bökemeier berichtete Elisabeth Wirtz (Musikdramaturgin, Landestheater Detmold), dass das Theater den Lockdown nur durch vorgezogene Spielzeitferien, Kurzarbeit und mit Hilfe der öffentlichen Hand überstanden habe. „Ich habe mehr Angst als Hoffnung für die Zukunft. Kultur und Kreativität ist ein Wirtschaftsfaktor, der viele Menschen beschäftigt. Bei der Diskussion über Systemrelevanz kommen seelische, psychische und künstlerische Bereiche zu kurz.“  Kunst und Kultur dürften nicht auf der Strecke bleiben. Freischaffende Künstler seien jetzt schon am Limit. „Wir sollten erforschen, welche tieferen Ursachen Pandemien haben und reflektieren, was bei uns schiefläuft, dass so etwas möglich ist. Jeder trägt seinen Teil zu solchen Entwicklungen bei und das gesellschaftliche Gewissen muss geschärft werden.“  
Michael Uhlich, der die Abteilung Schule bei der Bezirksregierung leitet und die Aufsicht über rund 800 Schulen in OWL hat, vertrat die Ansicht, dass es in der Anfangsphase der Pandemie richtig gewesen sei, alle Schulen zu schließen, da keiner wusste, wie sich die Lage entwickeln würde. Heute könne man kleinräumiger und der Situation angemessener handeln. Der Distanzunterricht über digitale Medien sei ausgebaut worden, wobei viele Lehrer sehr engagiert und kreativ mitgearbeitet hätten. Schüler ohne digitale Endgeräte und aus sozial schwierigen Verhältnissen drohten jedoch verloren zu gehen. Daher sei es wichtig gewesen, die Kinder wieder in die Schule zu bekommen.
Pfarrer Wolfgang Loest ist in der Lippischen Landeskirche für den digitalen Erprobungsraum KirchePlus zuständig. Bereits Mitte März sei mit Hilfe vieler Ehrenamtlicher innerhalb von zwei Tagen der erste Livestream-Gottesdienst auf die Beine gestellt worden. Alle Beteiligten hätten viel gelernt: „Wie schaue ich in die Kamera, wie transportiere ich Gefühle, wie gelingt es, trotz Distanz Gemeinschaftsgefühle aufzubauen?“ Es gebe viele weitere kreative Ansätze, mit denen Menschen während des Lockdowns erreicht wurden, wie zum Beispiel „Gottesdienste zum Mitnehmen“ oder zum „Selbermachen“. Einige Gemeinde produzierten weiterhin kurze Videoandachten. Diese Kreativität sollte erhalten bleiben, auch wenn der Präsenzgottesdienst inzwischen wieder stattfinde. In einer differenzierter werdenden Gesellschaft erreiche man die Zielgruppen durch unterschiedliche Formate.
In der Diskussion mit dem Publikum ging es um die Verlierer der Pandemie. Die Krise spalte die Gesellschaft und mache soziale Spaltungen sichtbarer. Manche Menschen vereinsamten. Menschen mit psychischen Problemen oder Belastungen gerieten ins Abseits, weil die Wartezeiten für die psychologische Erstberatung viel zu lang seien. Und Verschwörungstheoretiker und Rechtsradikale meldeten sich lauthals zu Wort. Hier sei die Gesellschaft insgesamt aufgefordert, dem entgegenzuwirken.
Piotr Techmanski am Saxophon und Hans Josef Winkler am Klavier umrahmten die Veranstaltung mit Eigenkompositionen und Jazzeinlagen. Der Eine-Welt-Laden „Alavanyo“ versorgte die Gäste mit Getränken.

06.10.2020

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