Theater und Kirche wieder im Gespräch

„Der Wildschütz“ war Thema im Gottesdienst in der Erlöserkirche am Markt

Im Dialog. Elisabeth Wirtz und Pfarrer Burkhard Krebber eröffnen Einblicke in die Oper „Der Wildschütz“ von Albert Lortzing.

Detmold. Der Theater-Betrieb ruht noch, Gottesdienste werden seit einigen Wochen wieder gefeiert – unter Schutzmaßnahmen. Die Reihe der „Vis-à-vis“. Abends ins Theater - morgens in die Kirche“ wurde zu Pfingsten fortgesetzt: In der evangelisch-reformierten Erlöserkirche am Markt ging es um die Oper „Der Wildschütz“ von Albert Lortzing (1801-1851).


Eigentlich stünde die Oper aktuell auf dem Spielplan des Detmolder Landestheaters. Landestheater-Dramaturgin Elisabeth Wirtz war mit Simone Krampe in der Kirche dabei – die Sopranistin intonierte auch stellvertretend für die Gemeinde mit Christian Reinschmidt an der Orgel Pfingstchoräle. Kongenial begleitet von Pianist Youngtae Park verzauberte Simone Krampe die Gottesdienstbesucher mit der Arie der Baronin „Aus des Lebens raschen Wogen“ des ersten Opernaktes, in der die Baronin ihren „Witwenstand“ lobt.

Pfarrer Burkhard Krebber begrüßte die Gottesdienstbesucher mit dem Hilfeschrei „I can‘t breathe“ (Ich kann nicht atmen) des Afroamerikaners George Floyd, der, von einem weißen Polizisten in Minneapolis mit dem Knie im Nacken minutenlang zu Boden gedrückt, erstickte. Pfarrer Krebber ging in seiner Pfingstpredigt weiter auf das Thema Atemluft ein: Corona-Opfer kämpften mit Atembeschwerden und die Pandemie nehme die Luft zum Atmen, indem sie wirtschaftliche Grundlagen und persönliche Freiheiten einschränke.

Im Bereich der Kunst würden passend zu Pfingsten mit Simone Krampe und Youngtae Park zwei freischaffende Musiker das künstlerische Schweigen brechen. Pfingsten gebe neuen Lebensatem und eine frische Brise: „Wir feiern den Geist, der von Gott kommt und uns stärkt; wir feiern die Geburtsstunde der Kirche mit einem himmlischen Wind, der uns aufatmen lässt.“

Elisabeth Wirtz betonte, dass das Theater neben der Kirche der Ort sei, wo intensiv über Grundbedürfnisse und den Sinn des Lebens nachgedacht werde. Lachen und Weinen, Streiten und Lieben benötigten Atem. „Wir dürfen im Moment nicht mehr atmen. Das ist eine gefährliche Situation fürs Theaterleben.“  Die Oper „Der Wildschütz“ handle als Verkleidungs- und Verwechslungskomödie von Menschen, die ihre Grundwerte verloren hätten. „Jeder will etwas anderes sein, als er ist. Die Oper stellt humorvoll die ethische Frage nach der wahren Liebe und dem, was richtig und falsch ist. Sie bietet einen Freiraum, auszudiskutieren, was im Leben wichtig und für den Menschen systemrelevant ist, ohne dass ein bewaffneter Ordnungshüter einem am Hals sitzt und die Luft zum Atmen nimmt.“ Daher müsse man gerade in Krisenzeiten am Spielort Theater festhalten.

Von 1826-1833 gehörte das junge Berliner Ehepaar Lortzing dem Hoftheater in Detmold an. Am 3. November 1833 gaben sie ihr Debüt am Leipziger Stadttheater. Die Uraufführung von „Der Wildschütz oder die Stimme der Natur“ erfolgte 1842 in Leipzig. Wie alle Opern Lortzings enthält das Werk gesellschaftliche Seitenhiebe auf die noch herrschenden Adligen der Biedermeierzeit. Die Leipziger Zensur machte ihm zunehmend das Leben schwer bis er sein Engagement verlor. 1850 wurde er Kapellmeister in Berlin, wo er kurze Zeit später hoch verschuldet und Hunger leidend an einem Tag starb, an dem vier seiner Opern aufgeführt wurden. Wirtz zog Parallelen zwischen diesem tragischen Künstlerleben und der aktuellen Situation vieler Künstler, die trotz existentieller Grundsicherung wegen Corona von der Hand in den Mund leben müssen.

08.06.2020

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