Lippische Landeskirche geht Meldungen zu zwei Fällen sexualisierter Gewalt aus den 1980er- und 1990er-Jahren nach

Landessuperintendent Dietmar Arends: „Wir möchten mit der Aufarbeitung der beiden Fälle zugleich Menschen, die sexualisierte Gewalt im Bereich der Lippischen Landeskirche erfahren mussten oder Hinweise dazu haben, ermutigen, sich zu melden.“


Kreis Lippe. Die Lippische Landeskirche geht zwei Verdachtsfällen sexualisierter Gewalt nach, über die sie durch ihre Meldestelle bei der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe e.V. (Diakonie RWL) sowie die Fachstelle Sexualisierte Gewalt der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) informiert wurde. Diese Meldungen nehmen die Verantwortlichen aber nicht nur zum Anlass, die beiden gemeldeten Fälle detailliert aufzuarbeiten, die sich in den 1980er- und 1990er-Jahren ereignet haben. Die Lippische Landeskirche berücksichtigt darüber hinaus ausdrücklich auch den Wunsch der betroffenen Personen, die Vorgänge öffentlich zu machen – mit dem Ziel, dass sich ggf. weitere Betroffene oder Zeugen melden können.

„Ich bedauere zutiefst, wenn Menschen – und daran hegen wir keinerlei Zweifel – seinerzeit innerhalb unserer Institution Schaden zugefügt wurde und sie dadurch schmerzhafte Erfahrungen erlitten haben. Wir als Lippische Landeskirche möchten bei den Betroffenen aufrichtig um Entschuldigung für das damalige Vorgehen und die seinerzeit unterlassene Aufklärung bitten. Zugleich werden wir die Fälle nun rückhaltlos und konsequent aufklären“, erklärt Landessuperintendent Dietmar Arends. „Wir sehen nach Einsicht der Akten in beiden Fällen schon jetzt, dass die damalige Aufarbeitung nicht ausreichend war, Fragen offengeblieben sind und nicht hinreichend notwendige Konsequenzen gezogen wurden. So wurde beispielsweise der Frage nicht genügend nachgegangen, ob es Hinweise auf weitere Betroffene gab und ob im Umfeld der Beschuldigten möglicherweise Personen Kenntnis von Vorfällen sexualisierter Gewalt hatten und nicht eingeschritten sind. Diese Unterlassungen waren schlicht inakzeptabel.“ Schon allein wegen dieser Versäumnisse sei es wichtig, die Fälle nun umfassend aufzuarbeiten und dies mit größter Sorgfalt zu tun. Auch sei es aus heutiger Sicht ein Versäumnis, dass zum damaligen Zeitpunkt nicht versucht wurde, das Gespräch mit möglichen Betroffenen zu suchen. „Das soll und wird sich nun im Zuge der Aufklärung der beiden Fälle ändern“, so Arends.

Konkret betreffen die eingegangenen Meldungen zum einen den Vorwurf sexualisierter Gewalt gegenüber Mädchen bzw. jungen Frauen durch einen inzwischen verstorbenen Referenten für Jugendarbeit in der damaligen Zentrale für evangelische Jugendarbeit der Lippischen Landeskirche. Es gibt Hinweise, dass es mehrere betroffene Personen geben könnte. Der Mitarbeiter war im Zeitraum von 1976 bis 1992 bei der Lippischen Landeskirche beschäftigt. Nach ersten Erkenntnissen ist davon auszugehen, dass es innerhalb dieses Zeitraums zu Vorfällen gekommen ist. Nach Bekanntwerden der Verdachtsmomente hatte sich die Lippische Landeskirche von dem Mitarbeiter im September 1992 getrennt, da dieser die Vorwürfe nicht entkräften konnte. Der Fall wurde von einer damals Betroffenen in einer anonymen Mitteilung an die Fachstelle Sexualisierte Gewalt der EKD gemeldet, die diesen nach Zustimmung der Meldeperson an die Lippische Landeskirche herangetragen hat.

Zum anderen handelt es sich bei den eingegangenen Meldungen um Vorwürfe sexualisierter Gewalt im Bereich der Konfirmandenarbeit in der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Bad Salzuflen. Die Meldung bezieht sich auf den Zeitraum von 1988 bis 1990. Auch in diesem Fall gibt es Hinweise, dass es mehrere Betroffene geben könnte. Bereits während des Tatzeitraums sowie nochmals Anfang der 2000er-Jahre soll sich die Betroffene mit ihrer Familie an die Kirche gewendet haben. „Dass damals trotz konkreter Verdachtsmomente und eindeutiger Hinweise nicht bzw. nicht ausreichend gehandelt wurde, um zu klären, ob es mögliche weitere Betroffene gab, bedauere ich zutiefst. Zudem bedauere ich, dass damals auch nichts getan wurde, um zu versuchen, spätere Arbeitgeber des Mannes vorzuwarnen“, erklärt Arends und ergänzt: „Ich versichere, dass wir diesen Fall nunmehr umfassend und mit höchster Sorgfalt behandeln werden.“ Die Betroffene hat sich an die Meldestelle der Diakonie RWL gewendet, die den Fall mit ihrer Zustimmung an die Kirchengemeinde in Bad Salzuflen herangetragen hat.

Die Kirche hat mit der Aufarbeitung der beiden Fälle begonnen und hält Kontakt zu den betroffenen Personen. Landessuperintendent Dietmar Arends: „Mit dem Schritt, die Vorgänge öffentlich und damit auf die Geschehnisse aufmerksam zu machen, entsprechen wir dem Wunsch der Betroffenen und möchten damit Menschen, die sexualisierte Gewalt im Bereich der Lippischen Landeskirche erfahren mussten oder Hinweise dazu haben, ermutigen, sich an eine der beiden für diese Fälle eingerichteten Ansprechstellen zu wenden.“ Als Ansprechstellen fungieren hierbei die Frauenberatungsstelle Alraune e.V. sowie Pfarrerin Susanne Eerenstein im Evangelischen Beratungszentrum der Lippischen Landeskirche. „Gleichzeitig möchten wir uns ausdrücklich für die eingegangenen Meldungen bedanken – denn diese Hinweise helfen uns sehr, uns um weitere Aufklärung zu kümmern. Dass sich die Betroffenen nach über 30 Jahren gemeldet haben, zeigt, dass Menschen schmerzliche Folgen sexualisierter Gewalt häufig noch nach Jahrzehnten mit sich tragen und eine Aufarbeitung sehr wichtig ist“, betont Arends. Für viele Betroffene sei es essentiell, die Kraft aufzubringen, sich – auch und gerade nach so langer Zeit – zu melden, um damit anderen Betroffenen möglicherweise Mut zu machen. Zugleich hoffe die Kirche darauf, dass Betroffene entscheidend bei der Aufarbeitung mitwirken und so der Aufarbeitung Vertrauen schenken könnten.

Im Zuge der umfassenden Aufklärung der beiden Fälle wird die Lippische Landeskirche Maßnahmen ergreifen, um nach Ursachen zu suchen, Verantwortlichkeiten sicherzustellen und eine Kultur der Fürsorge und Sicherheit für alle Mitglieder zu schaffen. Dazu gehört beispielsweise die Einrichtung eines Beirats, um den Aufarbeitungsprozess zu steuern bzw. zu verantworten und von der Landeskirche unabhängige Personen mit der weiteren Aufarbeitung der beiden Fälle zu beauftragen. Teil dieses Aufarbeitungsprozesses kann unter anderem eine wissenschaftliche Studie sein. In einem möglichen Beirat sollten auch Betroffene sexualisierter Gewalt mitwirken – deren Expertise und Haltung misst die Lippische Landeskirche hohe Bedeutung bei. Diese zu finden, ist auch Absicht des öffentlichen Aufrufs. Gleichzeitig wird die Lippische Landeskirche aufgrund der Berichte sich meldender Personen prüfen, ob weitere rechtliche Konsequenzen gegen Verantwortungsträger eingeleitet werden. Außerdem erarbeiten die Lippische Landeskirche und ihre Kirchengemeinden auf Grundlage des Kirchengesetzes zum Schutz vor sexualisierter Gewalt (2021) derzeit Schutzkonzepte und überprüfen ihre bestehenden Handlungs- und Notfallpläne.

Unabhängig von diesen beiden Fällen hat die Lippische Landeskirche für die Studie zu sexualisierter Gewalt und anderen Missbrauchsformen im Bereich der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der Diakonie (ForuM-Studie) mehrere Vorkommnisse aus den vergangenen Jahrzehnten gemeldet, ohne allerdings zu wissen, ob und wie diese in der Studie aufgegriffen und bewertet werden. Die Lippische Landeskirche wird sich nach der Veröffentlichung mit den Ergebnissen der Studie befassen, diese eingehend prüfen und notwendige Schritte veranlassen. Die Studie wird von einem unabhängigen Forschungsverbund erstellt, von der EKD unterstützt, und soll am 25. Januar der Öffentlichkeit vorgestellt werden.

 

Informationen zu den beiden Ansprechstellen

 

Ansprechstelle der Lippischen Landeskirche

Die Landeskirche verfolgt das Ziel, sexuellen Missbrauch durch hauptamtliche und ehrenamtliche Mitarbeiter zu verhindern und aufzuklären. Zu diesem Zweck hat sie 2021 ein Kirchengesetz zum Schutz vor sexualisierter Gewalt verabschiedet, das sich an einer Richtlinie der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) orientiert. Betroffene von sexualisierter Gewalt und sexuellem Missbrauch können sich an die Ansprechstelle der Lippischen Landeskirche wenden. Aufgabe der Ansprechstelle ist es, einen Erstkontakt mit den Betroffenen herzustellen und zu klären, ob eine Weitervermittlung an andere Beratungsstellen oder therapeutische Einrichtungen erforderlich und gewünscht ist bzw. ob und in welcher Form eine Unterrichtung der Landeskirche von den Betroffenen gewünscht wird. Die Ansprechstelle steht ausdrücklich auch anderen Personen zur Verfügung, die mit ihrem Wissen zu Fällen sexualisierter Gewalt durch Mitarbeitende im Kontext der Lippischen Landeskirche zur Aufarbeitung beitragen können.

 

Ansprechstelle:

Pfarrerin Susanne Eerenstein (Stellvertretung: Louisa Zimmermann)

Telefon: 01573-4589828

E-Mail: ansprechstelle@lippische-landeskirche.de

Sprechzeiten: Montags und Mittwochs, 13:00 bis 15:00 Uhr

 

Der Kontakt ist kostenlos. Frau Eerenstein und Frau Zimmermann sind zur Verschwiegenheit verpflichtet. Weitere Informationen zu den Ansprechpersonen für Betroffene von sexualisierter Gewalt der Lippischen Landeskirche finden Sie unter www.lippische-landeskirche.de/2596-0-13.

 

Frauenberatungsstelle Alraune e.V.

Die Frauenberatungsstelle Alraune e.V. in Detmold bietet unter anderem Fachberatung zu sexualisierter Gewalt an und wird im Zuge der Aufarbeitung der beiden Fälle als externe, unabhängige Ansprechstelle fungieren.

 

Ansprechpersonen:

Lina Janzen und Marie Welpmann

Telefon: 05231-20177

E-Mail: info@alraune-frauenberatung.de

Sprechzeiten: Mittwochs und Donnerstags, 9:00 bis 11:00 Uhr

 

Der Kontakt ist kostenlos. Frau Janzen und Frau Welpmann sind zur Verschwiegenheit verpflichtet. Weitere Informationen zur Frauenberatungsstelle Alraune e.V. finden Sie unter www.alraune-frauenberatung.de.

 

Informationen zur Meldestelle der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe

Die Meldestelle der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe steht Mitarbeitenden der Lippischen Landeskirche, aber auch Dritten zur Verfügung. Ihre Aufgabe ist es, Meldungen entgegenzunehmen, die den begründeten Verdacht darstellen, dass ein ehren- oder hauptamtlicher Mitarbeiter der Lippischen Landeskirche und ihrer Gemeinden im dienstlichen Kontext sexualisierte Gewalt gegen Dritte ausgeübt hat, und an das zuständige Leitungsorgan zur Bearbeitung weiterzuleiten. Kontaktsuchende haben die Möglichkeit, sich hier bei der Einschätzung, ob ein Verdacht begründet ist, beraten zu lassen. Die Meldestelle bietet den Leitungsverantwortlichen Unterstützung im Rahmen des geltenden Handlungs- und Notfallplans an. Dieser beinhaltet Maßnahmen zur Intervention und Prävention.

 

Ansprechperson:

Birgit Pfeifer
Referentin Fachstelle für den Umgang mit Verletzungen der sexuellen Selbstbestimmung
­Telefon: 0211-6398-342
­E-Mail: b.pfeifer@diakonie-rwl.de

 

Weitere Informationen zur Meldestelle der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe finden Sie unter www.diakonie-rwl.de/themen/aktiv-gegen-sexualisierte-gewalt/meldestelle-verdachtsfaelle.

 

Weitere Informationen zum Umgang mit sexualisierter Gewalt