Gesicht zeigen

Landessuperintendent Dietmar Arends: „Wir treten als Kirche ein für eine Gesellschaft, die sozial gestaltet wird, die nicht ausgrenzt, sondern Menschen zusammenbringt.“

Kreis Lippe. Landessuperintendent Dietmar Arends hat unter der Überschrift „Gesicht zeigen“ (aus den Leitlinien kirchlichen Handelns im Zukunftsprozess „Kirche in Lippe – auf dem Weg bis 2030“) der Lippischen Landessynode den Bericht des Landeskirchenrates vorgelegt. Arends: „Wo und wie geschieht es nun oder soll es geschehen, dass wir „Gesicht zeigen“?“ Es vollziehe sich laut der Leitlinien kirchlichen Handelns mit einer „profilierten Haltung in religiösen und sozialen Fragen“. Damit es zu einer solchen Haltung komme, bedürfe es der Sprachfähigkeit: „Wir müssen als Kirche also dazu beitragen, dass die Menschen, die in dieser Kirche leben, in ihrem Glauben sprachfähig werden. Wir müssen dazu beitragen, dass sie aus dem Evangelium heraus Haltungen reflektieren und Position beziehen.“
Der Landessuperintendent greift im Bericht beispielhaft vier Stichworte auf: Bildung – Mission – Diakonie – Anwaltschaft oder Advocacy.

Bildung
Die große Errungenschaft der Reformation sei die Tatsache, „dass Bildung nun zu etwas wurde, das breite Schichten der Bevölkerung erreichen sollte und erreichte, das auch vor Geschlechtergrenzen nicht haltmachte.“ Um die Botschaft weiterzugeben, müsse sie verstanden werden. Bildungsarbeit geschehe im Bereich der Kirche auf unterschiedlichsten Ebenen, von der frühkindlichen Bildung in den Kindertagesstätten bis hin zu Angeboten der Erwachsenenbildung im Seniorenalter.

Mission
„Als Kirche Gesicht zu zeigen, muss bedeuten, mit der Botschaft von der freien Gnade Gottes nicht hinter dem Berg zu halten, also das zu tun, was traditionell mit dem Begriff der Mission bezeichnet wird, obwohl auch in der Kirche der Begriff über längere Zeit, wenn, dann häufig eher etwas verschämt, verwendet wurde.“ Dietmar Arends: „Missionarisch Kirche sein, darauf können wir nicht verzichten.“ Dabei sei die Weitergabe des Evangeliums allerdings nicht zu verwechseln mit der Mitgliederwerbung. Die Botschaft müsse erkennbar sein, „in dem was wir sagen und tun“, so Dietmar Arends: „Nicht umsonst bezeichnet unsere Verfassung die Mission neben der Diakonie als „Wesens- und Lebensäußerungen der Kirche“.

Diakonie
Jesus sehe die Menschen in ihrer Bedürftigkeit, in ihrer Sehnsucht nach Heilung, in ihrem Hunger nach Brot. Und er nehme sich des Volkes an, so wie er es sehe mit seinen Nöten. Arends: „Die Menschen begegnen der Guten Nachricht, indem Jesus sie heilt, ihnen zu essen gibt, ihnen den Weg zurück in die Gemeinschaft ermöglicht. Seine Verkündigung ist ganzheitliche Verkündigung.“

Im Ausblick auf das Fürstin-Pauline-Jahr in Lippe 2020 – anlässlich ihres 200. Todestages – hebt Arends hervor, dass Fürstin Pauline in Lippe aus ihrem Glauben heraus ein Netz sozialer Einrichtungen geschaffen habe, sichtbar heute noch in der Fürstin-Pauline-Stiftung. Diakonische Einrichtungen wie auch Eben-Ezer, Diakonis sowie Diakoniestationen und stationäre Pflegeeinrichtungen seien ein wesentlicher Teil von Kirche. Dietmar Arends: „Da zeigt Kirche in ihrem Handeln Gesicht.“

Anwaltschaft
Ulrich Zwingli, der in diesem Jahr im Fokus von „500 Jahre Schweizer Reformation“ steht und mit seinen Lehren auch für die Lippische Landeskirche Bedeutung erlangte, habe besonders die Bedrängten in der Gesellschaft im Blick gehabt. Er habe davon gesprochen, „dass sie zu ihrem Recht kommen sollten, auch dort, wo sie selbst nicht in der Lage sind, ihr Recht einzuklagen. Das klingt ausgesprochen modern. Wir würden ein solches Eintreten für die Schwachen heute vielleicht als Advocacy bezeichnen“. Und das müsse Aufgabe von Kirche sein, „sich zum Anwalt zu machen für die, die selbst keine Stimme haben, für ihr Recht einzutreten und zu streiten.“

70 Jahre Grundgesetz
Arends geht im Bericht auf weitere Jahrestage in 2019 ein, darunter „85 Jahre Barmer Theologische Erklärung“ und das Karl-Barth-Jahr, aber auch auf 70 Jahre Grundgesetz: „Auf dem Hintergrund und der Erfahrungen von zwei Weltkriegen und den Schrecken des Nationalsozialismus stellten die Väter und die Mütter die Würde eines jeden einzelnen Menschen an den Anfang.“ Alles andere müsse sich an dieser Menschenwürde ausrichten: Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Religionsfreiheit, Rechtstaatlichkeit, die soziale Verfasstheit des Staates und vieles andere mehr. „Wenn wir von einem jüdisch-christlichen Erbe sprechen, dann ist die Menschenwürde wohl zuerst zu nennen, auch wenn Kirche selbst sich in ihrer Geschichte immer wieder an der Verletzung der Menschenwürde schuldig gemacht hat und sie oft viel zu wenig für die Menschen eingetreten ist, deren Würde mit Füßen getreten wurde.“

Jeder Mensch sei unabhängig von Geschlecht und Herkunft mit einzigartiger Würde bekleidet und jeder Mensch habe ein Recht darauf, entsprechend seiner Würde behandelt zu werden. „Was heute in unserer Gesellschaft 70 Jahre nach dem Grundgesetz wieder möglich ist an menschenverachtenden, an fremdenfeindlichen, ja an rassistischen, an antisemitischen Äußerungen bis hinein in unsere Parlamente, das ist zutiefst erschreckend. Und dem dürfen wir nicht einen Millimeter nachgeben. Wir treten als Kirche ein für eine Gesellschaft, die sozial gestaltet wird, die nicht ausgrenzt, sondern Menschen zusammenbringt.“ Aufgabe von Kirche sei es, eine Kultur des Respekts und des Dialogs zu fördern.

Sexualisierte Gewalt im Raum der evangelischen Kirche
Sehr intensiv und unter Beteiligung Betroffener habe sich die Synode der EKD in Dresden mit dem Thema der sexualisierten Gewalt in der evangelischen Kirche auseinandergesetzt, berichtet Dietmar Arends weiter: „Es waren sehr intensive, berührende – oft in dem was laut wurde auch nur schwer auszuhaltende Beratungen.“ Die EKD entwickele Schutzkonzepte gegen sexuelle Gewalt und habe die Initiative „Hinschauen-Helfen-Handeln“ gestartet.

Umgang mit sexualisierter Gewalt in der Lippischen Landeskirche
Die Lippische Landeskirche ist gemeinsam mit der Diakonie RWL und der Ev. Kirche von Westfalen Trägerin der Fachstelle für den Umgang mit Verletzungen der sexuellen Selbstbestimmung. Die Fachstelle betreut unter anderem die Kommission „Anerkennung Leid“. Zu den Aufgaben der Fachstelle gehört ferner die fachliche Unterstützung für Leitungsverantwortliche aus Kirchengemeinden, Einrichtungen und Diensten der Kirchen und der Diakonie und die Beratung bei der Umsetzung der Verfahrensvorgaben zum Umgang mit Verdachtsfällen.

Das Bildungsreferat hat seit Anfang 2017 ein Präventions- und Interventionskonzept für den Schutz von Kindern und Jugendlichen entwickelt, welches in 2018 durch den Landeskirchenrat verabschiedet worden ist und den Kirchengemeinden und Einrichtungen zur Verfügung steht.

Betroffene von sexualisierter Gewalt können sich an die Fachstelle oder an zwei unabhängige Personen wenden, die als Ansprechpartner für Missbrauchsopfer zur Verfügung stehen. Ansprechpartner und Schutzkonzepte sind auf www.lippische-landeskirche.de/beratung  dargestellt. Im Zuge der Verabschiedung einer eigenen Richtlinie oder einer entsprechenden gesetzlichen Regelung wird die Synode intensiver mit dem Thema „sexualisierte Gewalt“ befasst werden müssen.

 

Weitere Infos zur Lippischen Landeskirche:

Rund 155.000 Gemeindeglieder
69 reformierte und lutherische Gemeinden (58 ref., 10 luth., 1 ev.*)
4 reformierte und 1 lutherische Klasse
57 Synodale

*  Lockhausen-Ahmsen ist eine evangelische Kirchengemeinde mit Mitgliedschaft in der reformierten Klasse West und in der Lutherischen Klasse.

Die Verhandlungen der Lippischen Landessynode sind öffentlich.

Den Bericht des Landeskirchenrates finden Sie hier

  • Twitter
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • Windows Live