MixTour in Lemgo: Etwas Neues hat sich entwickelt
Musik, Literatur, bildende Kunst und Mitmach-Aktionen
Mehr als das: Literatur und bildende Kunst haben sich verbunden: durch die glückliche Kooperation der beiden Gemeinden Marien und Nicolai mit der alten Hansestadt und dem Weserrenaissance-Museum Schloss Brake
„Macht Musik!“ – das Motto war doppeldeutig: Es war die Aufforderung, Musik zu machen, und es war der Hinweis auf die Macht der Musik. „Krieg und Frieden“ war ein thematischer Hauptstrang dieses Festivals. Der andere: der Dichter Paul Gerhardt, der die Hälfte seines Lebens im Krieg verbrachte. Vor 350 Jahren ist er gestorben.
So lag es nahe, dass das Publikum im Eröffnungskonzert zur gottesdienstlichen Gemeinde wurde, als es im Wechsel mit Chor und Solisten in der vollen Nicolaikirche zum Beispiel „Befiehl du deine Wege“ sang. Volker Jänigs Marienkantorei und Frank Schreibers Vokalensemble St. Nicolai haben sich mühelos zu einem Klangkörper mit reinster Intonation verbunden. Das Johann-Rosenmüller-Ensemble bot mit dem weichen Klang von Zink, Dulzian, Barockposaunen, Violinen und Violone eine präzise und zugleich spielfreudige Instrumentalgrundlage nicht nur für die Musik des 16. und 17. Jahrhunderts, sondern auch für neuere Werke. Zusammen mit den Gesangssolisten bot das Konzert Werke von Schütz und Monteverdi über die „Krieges-Angst-Seufftzer“ (1645) von Johann Hildebrandt bis hin zu Ravel und Rudolf Mauersbergers Klage „Wie liegt die Stadt so wüst“ nach der Zerstörung von Dresden 1945.
Amüsant, witzig, mit leichter Feder, aber auch nachdenklich war eine musikalische Revue zu Krieg und Frieden in der vollen Rathaushalle. Joachim Thalmann spannte einen Bogen durch Kulturgeschichte und Philosophie. Uta Singer, Sopran, und die beiden Pianisten Volker Jänig und Frank Schreiber gaben unter anderem bekannte Songs aus der „Dreigroschenoper“ von Bertolt Brecht und Kurt Weill. Die krassen Gegensätze im Berlin der 1920er Jahre zwischen Hohn, Hass und Vergnügen kamen zum Klingen – der Tango „Eine kleine Sehnsucht“ stand beispielhaft für die genial leichte Muse des Friedrich Holländer. Es fehlten nicht Hildegard Knef, Mascha Kaléko und „Kauf dir einen bunten Luftballon“ von 1943, als Bomben auf deutsche Städte fielen.
Eine Synthese aus Literatur, Musik und bildender Kunst gab es im Weserrenaissance-Museum: Der Schauspielerin Meike Rötzer gelang es, den umfangreichen Roman „Der Abenteuerliche Simplicissimus“ (1668) von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen an diesem Abend sprühend lebendig nachzuerzählen. Olaf Reimers untermalte das bewegte Geschehen auf seinem Cello. Dazu wurden Radierungen von Jacques Callot gezeigt, der als Zeitgenosse das Grauen des Dreißigjährigen Krieges dokumentierte. Und es gab Bilder der Journalistin und Pulitzer-Preisträgerin Anja Niedringhaus zu sehen, die 2014 in Afghanistan bei einem Terroranschlag ums Leben kam.
Abschließend begeisterten die German Gents in der Marienkirche das Publikum: Das A-Cappella-Quartett mit den Tenören Thoma Jaron-Wutz und Achim Horn, dem Bariton Raphael Riebesell und dem Bass Marcel Raschke sang Monteverdi, Mendelssohn, Schuberts „Lindenbaum“, Eichendorffs „Komm, Trost der Welt“ ebenso glänzend, glockenrein und raumfüllend wie „Liebling, mein Herz lässt dich grüßen“ oder andere Hits der Zwanziger, zum Beispiel von den Comedian Harmonists.
Blickt man hinter die Kulissen, dann wird klar: Dieses prall gefüllte Musikfest mit einem schmalen Budget von 40.000 Euro konnte nur stattfinden, weil viele Haupt- und Ehrenamtliche bis ans Limit gerackert haben. Es gibt andere Festivals in der Region, die über ungleich mehr Finanzen verfügen. Das Lokale hat es ungleich schwerer, Fördermittel zu bekommen. Die kleine Stadt mit großer musikalischer Tradition ist zu Höchstleistungen fähig. Das sollten alle Verantwortlichen bedenken, die über Fördertöpfe entscheiden.
13.10.2026
